Grafik Gas Migration Der Zement der Bohrung wird schadhaft, Stoffe aus durchbrochenen Schichten (gelb) steigen auf. (Quelle: Schlumberger Ltd.)

Fracking: Wie sicher sind Bohrungen?

Auf dieser Seite möchte ich einen Umstand beleuchten, der in der Debatte seltsamerweise kaum erwähnt wird, für mich aber einen der zentralen Punkte darstellt, weshalb man das Schiefergas-Fracking nicht anwenden sollte. Wie immer gilt: Informier Dich. Denke Selbst.
Jürgen Stemke

Eine Bohrung besteht aus einem Loch, in das ein Rohr kommt. Der Zwischenraum zwischen Rohr und Gestein wird mit Zement ummantelt. Wie bei jedem menschlichen Bauwerk wird auch hier der Zement und das Rohr mit der Zeit schadhaft.

Jede Bohrung bildet mit der Zeit Risse und Klüfte zwischen dem Zement, dem umgebenden Untergrund und den Stahlrohren. Der Stahl rostet. Auch die Zementarbeiten selbst sind sehr anspruchsvoll. Wie sich schon beim Gießen des Zements Klüfte bilden ist ein gut dokumentiertes Thema.

In den entstehenden Klüften und durch Löcher können Gase und andere Stoffe aus durchstoßenen Schichten in das Grundwasser oder bis an die Erdoberfläche aufsteigen (Migration) oder zu einem Blow-Out führen. Kritisch nachfragende Bürger als Terroristen abzustempeln ändert an dieser Tatsache nichts.

Grafik Gas MigrationBetrifft jede Bohrung: Der Zement der Bohrung wird schadhaft. Er schließt nicht mehr dicht mit dem Gestein ab. Stoffe aus durchbohrten Schichten steigen auf.
Weiss: Förder-Schacht. Hier steigt das Gas aus der Förderschicht auf; Grau: Zementummantelungen der Bohrung;
Blau: Verrohrung; Braun (oben): Obere Schichten, die ggf. Grundwasser führen; Braun (unten): Tiefere Schichten;
Gelb: Durchbohrte Zone, mit Gasvorkommen; das Gas steigt entlang von Schadstellen der Bohrung und durch weitere Klüfte in Grundwasserschichten und die Bohrung oder auch Brunnen (rechts) auf auf. Es kann zur Kontamination des Grundwassers oder zu einem „Bolw-Out“ der Bohrung kommen. (z.B. Deep WaterHorizon)
Quelle: Oilfield Review, Schlumberger Ltd. Marktführer für Dienstleistungen der Öl- & Gasindustrie

Durch sehr viele Bohrungen und mit zunehmendem Alter derselben steigt das Risiko der Migration drastisch an. Der Untergrund ist immer leicht in Bewegung und der Zement bekommt Risse, bröselt und bricht. Nach 15 Jahren ist bereits jede zweite Bohrung betroffen. Beim Fracking von unkonventionellen Gasvorkommen sind besonders viele Bohrungen notwendig, bis zu einer Bohrung pro Kilometer. Umweltschäden sind daher zwangsläufig zu erwarten.

    Aufgeführt sind Bohrungen, die versagen über dem Zeitstrahl ihres AltersDargestellt sind Bohrungen die versagt haben, nach Häufigkeit und Alter.
Aufgeführt sind lediglich SCP-Fälle. (SCP = sustained casing pressure, d.h. es kam zu einer Druckerhöhung durch „fremdes“ Gas in der Bohrung.) SCP ist ein Hinweis auf eine undichte Bohrung mit Kontakt zu gasführenden Schichten. Fälle, bei denen Gas außen an der Bohrung aufsteigt oder Gas durch solche Lecks in das Gestein entweichen oder in das Grundwasser eindringen sind hier nicht erfasst. Solche Fälle zu erfassen ist extrem schwer bis unmöglich. Das aufsteigende Gas hat unter Umständen einen anderen „Fingerabdruck“, wie das geförderte Gas, wenn es aus einer anderen, verletzten Lagerstätte stammt.
Quelle: Oilfield Review, Schlumberger Ltd. Marktführer für Dienstleistungen der Öl- & Gasindustrie

Durch den großflächigen Einsatz der unkonventionellen Gasförderung durch Fracking kommt es zwangsläufig zur Migration von Schadstoffen in das Grundwasser.

Die Industrie möchte diese Tatsache möglichst verschweigen. Das Nicht-Melden solcher Schäden gehört zu den fünf häufigsten Beanstandungen bei Kontrollen der Bohrstellen in Pennsylvania, USA, einem Staat in dem großflächig gefrackt wird. Dort gibt es bisher keine Bohrung die bei den seltenen Kontrollen durch das Umweltamt ohne Beanstandung geblieben ist. Seit 2009 sind alleine im Bundesstaat Pennsylvania über 3000 Verstöße bekannt. Es wurde nur jede dritte Bohrstelle (von ca. 9000) geprüft.

Häufigste Verstöße (Pennsylvania, USA):

  • 9,3%:
    Ungenügende Sicherung der Bohrstelle
  • 7,5%:
    Unsachgemäße Handhabung von Betriebsstoffen oder Abwässern/Abfällen
  • 4,7%:
    Einleiten von Verunreinigungen in (öffentliche) Gewässer
  • 4,7%:
    Unsachgemäßer Umgang mit umweltgefährdenden Stoffen
  • 4,2%:
    Versagen des Zements der Bohrung (Casing) nicht gemeldet, bzw. kein Plan für Gegenmaßnahmen vorgelegt (Kluftbildung, Migration))
    Wenn man das mit der Grafik oben vergleicht, dann passt diese Zahl recht gut zu der oben genannten statistisch bekannten Zahl der SCP-Fälle im Jahr 0 der Bohrung, wobei hier nur die Fälle aufgeführt sind, bei denen dieser Fehler nicht gemeldet wurde.

Dokumentarfilm zu Cement-Failures

Dokumentarfilmer Josh Fox berichtet darüber in seiner Dokumentation „The Sky is Pink“. Er vergleicht die Probleme und das Vorgehen der Industrie mit dem Tabakrauch. Es gibt ein Problem und das kann nicht gelöst werden – außer man lässt es bleiben.

Wie die Tabakindustrie zieht die Öl- & Gasindustrie diese Erkenntnisse in Zweifel und verhindert damit den Stopp dieser Aktivitäten.

Ich als Pirat sage:

In der Medizin gibt es ein Prinzip: Solange schädliche Wirkungen nicht ausgeschlossen sind, darf ein Verfahren oder Medikament nicht angewendet werden. So sollten wir bei potentiell umweltgefährdenten Prozessen auch vorgehen!
Jürgen Stemke

Bohrungen die Versagen

[Update 2014-12-04] Bohrungen, die versagen, führen in Deutschland gerade auch in jüngerer Zeit immer mehr zu Problemen für die Betreiber, die Anwohner und die Umwelt. Die Anwohner bleiben dabei auf ihren Schäden in der Regel sitzen, so will es unser Bergrecht. Die Leute wollen weg und die Immobilen und Grundstücke will keiner haben.

Deepwater-Horizon-Unglück

Auch das Deepwater-Horizon-Unglück wurde durch Zement-Fehler ausgelöst. Dazu kommen eine ganze Reihe grober Fehler, die alle notwendig waren, um die Ölpest auzulösen. Die Sorgfalt wurde dabei stets zugunsten einer Kostensenkung der Arbeiten vernachlässigt.

Im Vorschaubild des Videos zur Analyse des Unglücks eine Folie der Präsentation von Halliburton zu Zemet-Fehlern, die beim Giesen des Zements auftreten. Links oben ein Schnitt durch eine Bohrung mit Klüften, rechts ein Schnitt durch eine perfekt ausgeführte Arbeit.

Blow-Out-Beispiele

Blow-Out von Shallow-Gas auf See:

Blow-Out eines flüssigen Mediums aus einer Fracking-Bohrung. Die Behörden wurden 2 Tage nach Beginn des Vorfalls informiert, die Öffentlichkeit eine Woche danach. In der Nähe verläuft ein Kanal zur Trinkwasserversorgung:

Brand, der durch einen Blow-Out von Shallow-Gas ausgelöst wurde. Derartige Brände sind schwer zu löschen, da das Gas unter einem sehr hohen Druck austritt:

Am Condamine River steigt Methan nicht (nur) entlang der Bohrungen auf, sondern tritt auch auf einer Länge von 5 km im Fluss auf, in deutlich sichtbaren Blubber-Herden. Der Fluss wird zur Bewässerung verwendet und ist Trinkwasserlieferant mehrerer Städte und Gemeinden. Die Gas-Industrie weist jeden Zusammenhang mit Facking-Bohrungen zurück.

Wie fahrlässig die Konzerne mit der Sicherheit umgehen, zeigt auch die Analyse des Unglücks der Deepwater Horizon.

Gas im Trinkwasser

Die erste systematische Studie belegt, Fracking ist Ursache für Gas im Trinkwasser.

Ein Kommentar

  1. 1

    Hallo Jürgen,
    ich denke das diese Art der Gasgewinnung verboten werden sollte. Die Gefahr für die Umwelt ist zu groß. Grade in Deutschland und in den Bereichen, wo die Bohrungen nicht so tief sein müssen. Da dürfte das Trinkwasser sehr gefährdet sein.

Was denkst du?