Krebszellen Schilddrüsenkrebs. (Bild: CC by SA, KGH)

Atomkraft und Kinderkrebs

Hinweis: Zeitliche Bezüge dieses Artikels beziehen sich auf August 2013, soweit nicht anders gekennzeichnet.

In den letzten Tagen gab es wieder neue Nachrichten über neue Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern in Fukushima. Inzwischen sind dort 210.000 Kinder untersucht. Es gibt 18 bestätigte Krebsfälle und 25 Verdachtsfälle, bei denen Krebs nicht zweifelsfrei nachgewiesen ist. Diese Fälle werden regelmäßig kontrolliert. Bei 40% der untersuchten Kinder gibt es Auffälligkeiten. Auch hier werden einige davon weiter beobachtet.

[Update 2014-02-15] Inzwischen hat sich die Zahl der Verdachtsfälle verdreifacht. Die Zahl der Krebsfälle ist auf 26 gestiegen. [Update Ende]

[Update 2015-03-25] Zum März 2015 hat sich die Zahl der Krebsfälle nochmals mehr als verdreifacht und lag bei 86. [Update Ende]

[Update 2015-10-09] Im Oktober 2015 spricht man von 137 Krebs- und Krebsverdachtsfällen. Die Regierung bestreitet einen Zusammenhang mit der Atomkatastrophe. Es wird betont, die Zahlen seien geringer als bei Tschernobyl. Das ist allerdings kausal, denn in Fukushima betraf nur ein sehr geringer Teil der Kontamination das Festland (vgl. noch heute sind in Bayern Wälder durch die Tschernobyl-Katastrophe kontaminiert). Der größte Teil der Verseuchung ging in den pazifischen Ozean. In Tschernobyl waren Großstädte betroffen und es wurde später evakuiert. Eine Versorgung mit Jod ist mir nicht bekannt.  [Update Ende]

Treten verdächtig viele Krebsfälle auf?

Einige Publikationen verbreiten die Ansicht, dass die festgestellten Fälle nicht auf das Reaktorunglück zurück zu führen sind. Sie rechnen vor, dass die Häufigkeit bezogen auf die Anzahl untersuchter Fälle normal sei, also mit der Situation ohne Reaktorunfall vergleichbar. Das ist falsch. Wer das behauptet, der lügt, verbreitet Desinformation, wie es die Atomlobby und auch die Kanzlerin leider so oft tun.

Die Anzahl der Fälle wäre im normalen bis erhöhten Rahmen, wenn es sich um Erkrankungen bei Erwachsenen im Rentenalter handeln würde. Es handelt sich aber um Kinder. Die normale Rate von Schilddrüsenfällen bei Kindern geht gegen Null. Es dürfte eigentlich so gut wie keine Fälle geben.

Die Österreichische Ärztezeitung meldete den ersten Fall im September 2012. 36% der damals bereits untersuchten 38.000 Kinder wiesen dabei Zysten und Knoten auf, die sich zu Krebsgeschwüren entwickeln können. 10 Fälle davon wurden als Krebsverdacht eingestuft, das Alter der Betroffenen war durchschnittlich 15 Jahre.

Spreadnews meldet im Februar 2013, dass sich zwei Verdachtsfälle inzwischen bestätigt haben und die Summe der Krebsfälle auf drei stieg. Alle drei Kinder sind bereits operiert. Damit haben wir im Zeitraum von sechs Monaten (März bis August) 15 neue Fälle bei einer beobachteten Gruppe von 210.000 Kindern. Hochgerechnet sind das 14,3 Fälle pro 100.000 Menschen pro Jahr. Dieses Maß nennt man Inzidenz (Fälle pro 100.000 Menschen, pro Jahr). Ein Wert von 14,3 ist für Kinder deutlich jenseits von „normal“.

Häufigkeit in Erkrankungen von Schilddrüsenkrebs pro 100.000 Menschen, aufgelistet nach Alter in Europa (nur Länder mit gesicherten Daten). Daten aus Japan habe ich leider nicht gefunden. Bild: Universität Bielefeld

Selbst wenn man an nimmt man habe diese Fälle nicht frühzeitig erkannt, da die Untersuchung erst jetzt statt findet, der Krebs aber sei bereits im Jahr zuvor angelegt gewesen, liegt man mit einer Häufigkeit von 8,57 Fällen auf 100.000 Kinder immer noch deutlich über dem üblichen Maß von ungefähr Null.

Häufung nach Nuklearunfällen

Nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl hat man etwa 4 Jahre nach der Katastrophe einen deutlichen Anstieg von Schilddrüsenkrebs festgestellt, auch bei Kindern. Die Steigerungsrate ist in einem Zeitraum von 4 Jahren angestiegen.

Das lässt für die Kinder von Fukushima in den nächsten Jahren ebenfalls einen weiteren, deutlichen Anstieg von Krebsfällen vermuten.

Jodtabletten

Zu den Erkrankungen kommt es, wenn bei einer Katastrophe spaltbares Material aus dem Reaktorkern freigesetzt wird. Bei den freigesetzten Spaltprodukten befindet sich auch radioaktives Jod. Das Jod ist relativ leicht flüchtig und verbreitet sich weiträumig. Auch reichert es sich in Lebensmitteln an, zum Beispiel in Milch. In Japan gelangte es auch in das Trinkwasser.

Der Körper reichert Jod in der Schilddrüse an, so auch das radioaktive Jod. Dort werden dann die Zellen durch die radioaktive Strahlung geschädigt. Es können sich Knoten und Zysten bilden, die sich zu Krebs entwickeln können. Ob Krebs tatsächlich entsteht ist absoluter Zufall, aber um so wahrscheinlicher, je mehr Radioaktivität man abbekommen hat.

Um sich davor zu schützen sollte man Jobtabletten einnehmen, damit die Schilddrüse bereits voll mit Jod ist und kein weiteres Jod mehr aufnehmen kann, wenn der Körper das radioaktive Jod auf nimmt. Daher sollte man die Jod-Tabletten möglichst etwa 2 Stunden vor Eintreffen der radioaktiven Wolke einnehmen.

Die Jodtabletten werden in Deutschland in Sammelstellen gelagert. Sie sollen im Bedarfsfall an die Bevölkerung ausgegeben werden. Ich halte diese Strategie für Praxisfremd, da im Katastrophenfall innerhalb weniger Stunden die Tabletten an Millionen von Menschen ausgegeben werden müssen. Das ist logistisch weitgehend unmöglich und wurde nach meinem Kenntnisstand noch nie geprobt.

Ich wäre gespannt auf die Antworten der Behörden, wenn Bürger aufs Amt gehen um nach den Tabletten und deren Verteilung zu fragen. In Japan hat die Verteilung von Jodtabletten versagt. Große Gebiete sind nicht versorgt worden, viele andere Gebiete viel zu spät, Teilweise erst Tage nach der Havarie.

Zeitlicher Ablauf

Hier dargestellt der Ablauf von Zeitpunkten bei denen erheblich Radioaktivität freigesetzt wurde, verglichen mit dem Zeitablauf der Versorgung der Bevölkerung mit Jod.

Gemessene Strahlenbelastung in Fukushima an einzelnen Messstellen des Kernkraftwerks.
Die Block-3-Explosion ist wegen des Westwinds „unsichtbar“, da die funktionierenden Messgeräte westlich des Reaktors stehen. Die Größenverhältnisse zwischen den früheren und den späteren Ereignissen täuschen, weil erstere in großer Höhe durch die Schornsteine und über die Messstationen hinweg gingen. (Bild: Gemeinfrei)
  • Am 12. März wurde bereits freigesetztes Jod in der Umgebung des AKW gemessen. Das bedeutet, die Kernschmelze war bereits im Gange und die Bevölkerung hätte die Jodtabletten Stunden vor den ersten Ventings, spätestens aber mit der Explosion von Block 1 einnehmen müssen. Einige Gruppen evakuierter Kinder haben bereist am 12. März Jod erhalten. Auch das war zu spät, denn wenn man in Sicherheit ist, hat man das radioaktive Jod bereits im Körper.
  • Am 13. März gab es in Japan die ersten Meldungen, dass die Internationale Atomaufsicht IAEA damit beginne Jodtabletten in die Region zu schaffen.
  • Am 16. März wurden Kinder aus der 20km-Zone um das Kraftwerk mit Jodsirup versorgt. Das war auf jeden Fall zu spät. Die gemeldeten Hamsterkäufe nach Jodsalz können die Einnahme der Medikamente nicht substituieren.
  • Es wurde das radioaktive Jod im Trinkwasser festgestellt, auch in der Millionen-Metropole Tokio und in Fukushima.
  • Ab dem 20. März hat die britische Botschaft damit begonnen, eigene Bürger mit Jodtabletten zu versorgen. 50% des radioaktiven Jods aus den Reaktoren war zu diesem Zeitpunkt bereits durch natürlichen Zerfall unschädlich geworden bzw. hatte seine Schadwirkung bereits erbracht.
  • Welche Kinder wann und wie oft Jod verabreicht bekommen haben konnte ich leider nicht genauer recherchieren.

Die Vorgänge zeigen die katastrophale Lage des Zivilschutzes gegenüber Nuklearkatastrophen in der modernen Nation Japan. Fragt man als Bürger zum Beispiel in Deutschland oder der Schweiz die Behörden, trifft man auch dort auf Hilflosigkeit, selten auf Antworten.

Ich als Pirat sage:

Wir müssen die Bevölkerung bei einen Katastrophenfall besser schützen und uns auf eine Katastrophe besser vorbereiten. Der derzeitige Katastrophenschutz ist grob fahrlässig.

Noch besser wäre, die Kernkraftwerke sofort still zu legen und damit das Risiko einer Katastrophe möglichst gering zu halten.

Jürgen Stemke

Andere Ursachen?

Die jetzigen Fälle in Japan lassen sich nicht mit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki oder der Atomkatastrophe von Tschernobyl begründen. Wer das behauptet, der lügt.

Das verantwortliche, radioaktive Jod zerfällt sehr schnell, es hat eine Halbwertszeit von 8 Tagen. Nach 80 Tagen sind bereits 99,9% des Jods in das nicht radioaktive Xenon zerfallen. Die Schäden, die den Krebs auslösen, entstehen in den ersten Stunden, Tagen und Wochen nach der Freisetzung des radioaktiven Jods. Der Krebs kann dann noch Jahre und Jahrzehnte später ausbrechen. Die jetzt betroffenen Kinder können kein Jod der Bomben oder von Tschernobyl aufgenommen haben, da dieses längst zerfallen und damit unschädlich ist.

Heilungschancen

Die Chancen den Krebs zu besiegen sind sehr gut. Bei einer guten Früherkennung liegen die Überlebensraten bei über 95%. Allerdings ist man danach nie mehr gesund. Man ist ständig auf Medikamente angewiesen. Man versucht den Körper stets auf einer Überdosis an Jod zu halten, damit sich mögliche Krebszellen nicht wieder vermehren.

Dies hat auch Auswirkungen auf den Stoffwechsel und den Hormonhaushalt. Dies wiederum führt zu erheblichen Auswirkungen auf die Lebensqualität der betroffenen Menschen.

Links

Ein Kommentar

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    Dipl. Ing. Jürgen Stemke

    Mich erreichte folgender Leserbrief unter dem Titel „Unsere Gemeinde und die Jodtabletten. Ein Gedächtnisprotokoll.“

    Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

    Guten Tag Herr Stemke,

    Wie besprochen sende ich Ihnen ein Gedächtnisprotokoll von meinem Telefonat mit unserer Gemeindeverwaltung bezüglich Jodtabletten. Es wäre jedoch ganz gut, wenn Sie vorab unsere Betroffenheit kennen würden. Ich empfehle Ihnen hierzu meinen Blogpost „Nur eine Sicherheit“ http://226.ch/index.php/forum/blogs/171-nur-eine-sicherheit

    Weiter möchte ich im Vorab erwähnen, dass ich mich als lediglich interessierte „Frau Schweizer“ („Frau und Herr Schweizer“ werden hier liebevoll die Durchschnittsbürger genannt) ausgegeben und versucht habe, entsprechend zu reagieren im Gespräch.

    Vor etwa drei Wochen nahm ich telefonischen Kontakt zu unserer Gemeindeverwaltung auf. Ich landete prompt bei einer netten Frau am Schalter, die auf meine Frage, wie denn das ist mit den Jodtabletten im Fall eines Störfalles so wäre, hörbar irritiert war. Es folgte eine kurze Pause und ich wurde gefragt, was bitte mein Anliegen sei. Darauf hin ging ich etwas ins Detail und schilderte, dass einem ja angeraten wird bei einem Zwischenfall in einem AKW in der Nähe Jodtabletten einzunehmen und das diese angeblich von der Gemeindeverwaltung ausgegeben werden. Und das ich mich diesbezüglich gerne auf meiner für mich zuständigen Gemeindeverwaltung erkundet hätte, was ich hiermit schliesslich auch tue. Es folgte wieder eine kurze Pause und fand mich nach einem freundlichen Hinweis zunächst in einer etwas länger anhaltenden Warteschleife wieder. Nach einiger Zeit hatte ich die nicht mehr so nette, aber nun sehr irritierte Frau wieder am Apparat, die mir mitteilte, dass Sie mir bei meinem Anliegen jetzt so ad-hoc nicht behilflich sein könnte. Ich liess mich jedoch nicht abwimmeln und fragte weiter. Nämlich ob die Gemeinde denn jetzt Tabletten für mich und meine Familie parat hätte, sollte ein Störfall eintreffen. Und wenn ja, wie ich die dann bekomme. Werden sie angeliefert oder gibt es Abgabestellen und wenn ja – wo?

    Die Irritation wich deutlich hörbar der Überforderung und eine Stimme aus dem Hintergrund mischte sich kurz ein:“Ich habe mal gelesen, dass auch Orangen gut wären anstatt Jodtabletten. Wegen dem Pektin…“ Ich fragte daraufhin prompt, ob es in unserer Gemeinde dann anstatt Jodtabletten Orangen geben würde. Die Überforderung und Hilflosigkeit meiner Gesprächspartnerin liess Sie dann dazu verleiten, mir anzuraten, mich an das (obacht!) Bauamt zu wenden. Nur leider sei der Herr vom Bauamt heute und morgen ausser Haus und es sei eher schwierig ihn zu erreichen, da er viele Einsätze im Aussendienst hätte zur Zeit. Nun war jedoch ich die hörbar irritierte und bekam auf mein leises „Bauamt?“ als Antwort, dass das ja die sind, die auch was mit den Zivilschutzbunkern zu tun hätten. So glaube Sie. Ich fragte schliesslich, ob denn gerade jemand vom Gemeinderat zu sprechen wäre. Dies wurde verneint. Ich hinterliess dann auf meinen Wunsch unsere Kontaktdaten mit der Bitte, dass sich doch jemand bei mir melden möge, sobald man auf der Gemeindeverwaltung eruiert hätte, wer denn für die Bürger mit solchen Anliegen zuständig sei. Natürlich hat sich bis heute niemand bei mir gemeldet. Es hätte die Möglichkeit gegeben, mich an die „Regionale-Zivilschutz-Organisation“ zu verweisen. Denn in dieser ist die unsere Gemeinde seit dem Jahr 2004 vertreten.

    Gleichsam ernüchternd war mein Telefonat mit dem Volksschulamt des Kanton vor einer gewissen Zeit. Ich stellte dort die Frage, was denn mit meinem Kind in der Schule/Kindergarten geschehe (Evakuierung – wohin? Zivilschutzbunker bleiben in solchen Fällen ja geschlossen), sollte ein ABC-Alarm ertönen.

    Ich habe schon einige dieser „Testtelefonate“ geführt. Mit verschiedenen Behörden. Einfach aus der reinen Neugier und um heraus zu finden, wie gut es denn wirklich gestellt ist um unser Wohl, sollte eine nukleare Katastrophe in der Schweiz eintreten. Und ich kann Ihnen sagen, dass der Grossteil dieser Gespräche wenig hilfreich oder beratend war Eher im Gegenteil. Es hat uns und einige andere in unserer Nachbarschaft dazu bewogen, Eigeninitiative zu zeigen, was den Schutz vor nuklearer Strahlung anbelangt. Wir sehen nicht das Ende der Welt kommen, aber sollte es Mühleberg Fukushima gleich tun, wüssten wir was zu tun ist. Wir würden uns untereinander helfen und organisieren und keinesfalls den Behörden folgen. Das Vertrauen ist schlicht und ergreifend nicht mehr da. Wie Sie sicherlich schon bemerkt haben auch nicht ohne Grund.

    Ich hoffe, ich konnte Ihnen behilflich sein. Für Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

    Es verbleibt mit freundlichen Grüssen

    Jenny

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