Parteitag in Norden; Foto: Carsten Sawosch Parteitag in Norden; Foto: Carsten Sawosch

Die Nordische Nacht – Eine gute Überlegung für gute Wahlen

Ein Gastbeitrag von Matthias Hagenbäumer:

Bei der Bundeswehr lernt man einiges.

Manches davon kann man sogar im späteren Leben recht gut gebrauchen, beispielsweise, wenn man eine Brücke sprengen oder einen liegen gebliebenen Panzer wieder flott machen muss.

Auch die eine oder andere Lebensweisheit bekommt man dort zu hören.

Eine der bedenkenswerten Regel ist die „preußische Nacht“, eine Tradition, die unbedachte Entscheidungen aus dem Affekt heraus verhindern hilft.

Was hat das aber mit der Landesmitgliederversammlung der Piratenpartei Niedersachsen in Norden-Norddeich zu tun, die am 22 und 23. Februar 2014 veranstaltet wurde?

Nun, die niedersächsischen Piraten haben einiges ja schon gelernt.
Das von einem angeblichen „Prädikatsjuristen“ als Kamikazeeinsatz praktizierte „Hardening“ der Wahlvorgänge hat eine fast völlig anfechtungssichere Routine in den notwendigen Wahlvorgängen zum Ergebnis gehabt; die Piraten haben sich in dieser Hinsicht also durchaus als lernfähig erwiesen.

Auch scheint es langsam ins Bewusstsein des Landesverbandes zu kommen, wie wichtig die soziale Interaktion der Piraten untereinander tatsächlich ist. Die Wahl des Versammlungsortes lud geradezu ein, sich ein langes Wochenende zu nehmen und außer dem ganzen Formalkram einander rein menschlich zu begegnen.

Der nächste Schritt wäre jetzt, wenn die Piraten erkennen würden, dass es vorteilhaft sein könnte, eine Wahlentscheidung nicht aus dem Affekt heraus in einem streng formalisierten Rahmen zu treffen, sondern nach ausgiebiger und zwangloser Debatte im gemütlichen Runden.

Die leider immer noch als „grillen“ bezeichnete Übung der Kandidatenbefragung ist längst zu einem Ritual erstarrt, das immer mehr dazu genutzt wird, mittels Suggestivfragen Einfluss auf die Versammlung zu nehmen. So üben bekanntere Piraten Einfluss auf die Entscheidung der Versammlung aus, vor allem auf Piraten, die sich noch keine Meinung bilden konnten.

Was spräche denn dagegen, die Kandidaten am ersten Tag vorzustellen und alle Wahlgänge am zweiten Tag stattfinden zu lassen?

Eine solche Vorgehensweise würde natürlich auch einen weiteren „alten Zopf“ abschneiden, denn so wäre es sehr schwer für einen Piraten, gleichzeitig für mehrere Ämter zu kandidieren.

Auch sollte gut überlegt werden, ob das so genannte „Approval Voting“ eine sinnvolle Methode ist, bei Personenwahlen eine wirklich fundierte Mehrheitsentscheidung zu finden.

Wenn man mehrere Kandidaten für ein Amt hat, dann befördert „Approval Voting“ die Tendenz, die Versammlung zum „Stimmvieh“ zu degradieren, während „One Pirate – One Vote“ die Entscheidung vom „Schwarm“ zum Individuum verfeinert. Dann muss sich der Pirat nämlich wirklich gut überlegen, wen er wählt. „Approval Voting“ entwertet also die einzelnen Stimmen der Piraten zugunsten des vermeindlichen aufgehens in einer Kollektiventscheidung, für die sich der Wählende persönlich weitaus weniger verantwortlich fühlen muss.

Außerdem wäre „One Piraten – One Vote“ wesentlich leichter auszuzählen.

Piraten sind ein wirklich knuddeliger Haufen sehr liebenswerter Menschen.

Wo sonst wäre es möglich, einen Landesparteitag zu leiten, während man sein Baby vor dem Bauch trägt, anstatt es in eine Kinderbetreuung abzuschieben? [➚]

Welche Partei hätte sonst die Chance, im Land tatsächlich eine Veränderung der politischen Verhältnisse zu bewirken?

Man darf durchaus gespannt sein, wie die Piraten mit der mittlerweile sicher erscheinenden erneuten Wahlschlappe bei der Wahl zum europäischen Parlament umgehen werden.

Noch spannender wird es sein, in einem Jahr zu schauen, wer noch als Pirat kandidieren möchte, wenn völlig offensichtlich wird, die Piraten haben vorerst keine lukrativen Abgeordnetenmandate mehr zu vergeben.

Im nächsten Jahr werden wir schlauer sein.

Und die Piraten hoffentlich auch.

Zur Person

Matthias Hagenbäumer ist ein Pirat, der mir erstmals 2009 auf einem Parteitag begegnet ist. Er hat eine etwas eigenwillige Art, vor allem, wenn man ihn noch nicht kennt, aber es lohnt sich, sich mit ihm auszutauschen. Meine Fürsprache hat er.

Bei der Bundestagswahl hat das Team um Matthias das beste Ergebnis für die Piraten an diesem Wahlsonntag eingeholt. in Northeim hat der Bürgermeister-Kandidat 6,5% der Stimmen errungen.

Ich stimme mit ihm nicht in allen Punkten seines Gastartikels überein, insbesondere wenn man weiß, dass ich mich seit 2009 sehr engagiert habe, die Wahlverfahren der Piraten mit zu entwickeln, zum heutigen Stand. Ich halte die Kern-Idee von Matthias, mit der Nordischen Nacht, für etwas, worüber wir unbedingt nachdenken sollten.

Was denkst du?