Ideen zum Gendern

In diesem Artikel greife ich ein paar Gedanken und Anregungen auf, welche Möglichkeiten es gibt, die deutsche Sprache geschlechter-gerechter zu machen.  Auch werfe ich einen kurzen Blick auf bisherige Vorschläge zum „Gendern“. Dieser Artikel baut auf meinem Artikel „Gendern ist Mist !?“ auf, den man vorher gelesen haben sollte. Das hier ist quasi Teil 2. (Link zu Teil 1)

Schlussfolgerungen

Das generische Maskulinum ist sprachtechnisch eigentlich generisch, unbestimmt. Man nennt es maskulin, weil „der“ davor steht und weil man einen anderen Fall Femininum genannt hat. Auch wenn „der“ davor steht, der-die-das sind Artikel, deren Anwendung eher sekundär ist. Welcher Artikel verwendet wird hängt davon ab, wie das betreffende Nomen dekliniert wird. Das sieht man deutlicher bei der Bezeichnung von nicht lebenden Dingen, die kein biologisches Geschlecht haben, wie Messer, Gabel, Löffel. Ebenso gibt es auch Wörter, die einen klaren Sexus haben, der Genus davon aber abweicht, wie Männchen oder Weib. Die Bezeichnung „maskulin“ beim generischen Maskulinum ist irreführend.

Über einen Trick kann man auch ein Neutrum schaffen. Dieser Trick erfordert aber auch Änderungen am Stammwort (der Arbeiter, die Arbeiterin, das Arbeitende). Das ist aber nur scheinbar so und lässt sich leicht entlarven. „Das Arbeitende“ ist eigentlich ein von „arbeiten“ dekliniertes, substantiviertes Adjektiv (das arbeitende Personal). Ebenso kann man auch sagen die Arbeitende oder der Arbeitende.

Möchte man mehr geschlechtergerechte Sprache, müsste man am ehesten eine zusätzliche, rein maskuline Form einführen, oder ausschließlich die generische Form verwenden und auf das Femininum bei der Bezeichnung von Lebewesen verzichten.

Letzteres ist zum Beispiel im Englischen der Fall. Dort gibt es kein grammatisches Geschlecht. Die davon abgeleitete Einschätzung, ein englisches Lehnwort sei erst einmal immer ein Neutrum ist jedoch falsch, denn Neutrum ist bereits ein grammatikalisches Geschlecht. Wenn es aber im Englischen keinen Substantivgenus gibt, dann gibt es auch kein Neutrum. Es ist alles generisch.

Die deutsche Sprache diskriminiert bei Wörtern, die Lebewesen, insbesondere Menschen beschreiben, eigentlich in der Regel Männer, da es keine rein maskuline Form gibt und die Sprache das Maskulinum mit der generischen Formulierung zusammen wirft. Dennoch führt dies bei Feministen gerade zu dem Gefühl, dass Frauen diskriminiert werden. (Siehe dazu auch meine Randbemerkung im Artikel „Gendern ist Mist !?„.) Sobald sich jemand diskriminiert fühlt, ist es auch legitim, sich darum zu kümmern um Abhilfe zu schaffen.

Für mich als Ingenieur bedeutet Diskriminieren eigentlich nur Unterscheiden. Alles was unterscheidet, diskriminiert, benachteiligt aber nicht unbedingt. Da kann man sehen, wie schwierig Sprache ist.

Die beiden genannten Lösungsmöglichkeiten (echtes Maskulinum einführen oder Femininum abschaffen) hätten den Vorteil, dass man bei der Verwendung des Generums mit einem Wort klar geschlechtsunabhängig formulieren kann, ohne dass gefühlte Diskriminierung entsteht. Man kann damit Schachtel-Sätze vermeiden, die die Auswahl aller vorhandenen Geschlechter einzeln aufzählen. Durch das Einführen eines echten Maskulinums würde die Sprache an Präzision gewinnen, da man gezielt Männer, Frauen und genderunabhängig unterscheiden kann. Wie die Sprache dann mit Menschen anderer Gender umgehen soll, bleibt jedoch offen.

Beim Verzicht auf das Femininum würde die Sprache klar an Präzision verlieren. Dass man ohne Substantivgenus leben kann, zeigt das Englische. Dort gibt es kaum noch entsprechende geschlechterspezifische Vokabeln, mir fallen spontan nur vom Adel abstammende Bezeichnungen ein, wie king/queen, landlord/landlady. Allerdings gibt es auch im Englischen Gender-Probleme, die man versucht zu umschiffen (statt „the driver drives his or her car“ wird „the driver drives their car“ oder „the driver drives the car“ verwendet). Ungefähr die Hälfte der Sprachen hat auch dieses Problem nicht, denn sie haben gar kein Genus. Türkisch zum Beispiel, oder Chinesisch und Japanisch. Das Spannende: Trotz 100% geschlechtergerechter Sprache ist keines der Länder ohne Genus für seine Fortschritte bei der Gleichstellung von Personen unterschiedlicher Geschlechter bekannt. Eher das Gegenteil ist der Fall. Geschlechtergerechte Sprache scheint keinen oder keinen positiven Einfluss auf die Gleichstellung der Geschlechter in einer Gesellschaft von Menschen zu haben.

In der Kunstsprache Esperanto hat man das Genus-Problem dadurch gelöst, dass ein viertes Geschlecht eingeführt wurde. Dort gibt es die grammatikalischen Geschlechter männlich, weiblich, Neutrum und ein generisch, das unbestimmt ist und alle drei Geschlechter oder eine Teilmenge davon sein kann. Esperanto ist die einzige Sprache mit diesen vier grammatikalischen Geschlechtern. Gleichzeitig gibt es wie im Englischen keinen Substantivgenus, also kein „der-die-das“, sondern nur einen allgemeinen Artikel „la“. Das bedeutet, die Sprache kennt zwar vier Geschlechter, die Substantive haben aber alle kein Geschlecht, bzw. sind rein generisch.

Man könnte auch im Deutschen einführen oder definieren, dass es keine generischen Wörter mehr gibt, sondern nur noch jeweils eine rein männliche und eine rein weibliche Bezeichnung. Das macht den Umgang mit Geschlechtern und mit Sprache jedoch deutlich komplizierter. Das Französische hat dieses Problem. Diesem begegnet man dort, indem man Vokabeln für Berufsbezeichnungen schafft, die neutral beide Geschlechter beinhalten. Das ist bei französischen Wörtern mit typischen Suffixen wie „-uer“ und „-euse“ wohl nicht so leicht. Bei anderen Worten genügt es, den Artikel zu ändern: le juge, la juge. Das funktioniert im Deutschen jedoch nicht, da es dann zur Verwechslung mit dem Plural kommt: der Richter, die Richter. Man sieht erneut, die Artikel haben im Deutschen nicht die Funktion, das Geschlecht zu definieren.

Ein Einführen des generischen Femininums auf Basis des heutigen Femininums wäre noch falscher, als der bisherige Fail, das generische Maskulinum, als generisches Maskulinum zu bezeichnen, da das Femininum eben nicht generisch ist, sondern bereits eine Erweiterung des generischen darstellt (durch Anfügen des Suffix „-in“). Zudem würde man die gefühlte Diskriminierung nur umdrehen, also „den Anderen“ etwas zumuten, was man selber nicht zugemutet haben möchte. Das wäre aber irgendwie kein so feiner Zug.

Eine neue generische Form durch Anfügen oder Modifizieren einer Endung zu schaffen widerspricht im Deutschen dem Sprachempfinden und der Logik, wie das Deutsche aufgebaut ist, eben weil ein solches Wort eine Spezialisierung darstellt und keinen generischen Ausdruck. Solche Ansätze werden es schwer haben, sich durch zu setzen, da sie eine Umstellung der Sprachlogik erfordern. Das Sprachzentrum im Kopf wird immer darüber stolpern und das fließen der Sprache wird gestört. Besonders schwer wird es, wenn dann noch das gesprochene Wort sich vom geschriebenen unterscheidet: „die/der Schüler*in geht zu ihrer/seiner Schule“; es ist spontan unklar und nicht eindeutig, wie man den Satzteil korrekt spricht. Ist die neue generische Form zudem nahezu identisch mit dem Femininum, entsteht der Eindruck, der bereits im vorigen Absatz beschrieben ist. Man kann den Eindruck gewinnen, es soll quasi ein generisches Femininum eingeführt werden. Mit ähnlichen Widerständen und Reaktionen ist da zu rechnen. (Dennoch kann sich auch so etwas durchsetzen.)

Auch die derzeit praktizierte Methode, neben der generischen Form gleichzeitig das Femininum zu verwenden ist eigentlich ungünstig (Leser und Leserinnen). Es hat etwas von „Liebe Personen und Frauen“. Für Menschen, die das so verstehen und empfinden, klingt dies befremdlich bis diskriminierend. Damit ist das eher eine schlechtere Lösung, möchte man eine nicht diskriminierende Lösung finden.

Spannend finde ich in diesem Zusammenhang, wie man teilweise Geschlechter von Tieren unterscheidet. Dort gibt es in vielen Fällen für Geschlechter manchmal ganz eigene Wörter, das ist aber nicht durchgängig, sondern scheinbar zufällig. Einige Beispiele wären: Schwein, Sau, Eber; aber: Katze, Katze, Kater; oder: Fuchs, Fähe, Fuchs.

Sprache ist zwar irgendwie verständlich, aber wie, das ist nicht immer offensichtlich. Sprache findet nicht im Verstand statt. Sprache findet beim Menschen im Sprachzentrum statt. Der Verstand hat keinen direkten Einblick in das Sprachzentrum, das Sprachzentrum funktioniert autonom. Deswegen funktioniert Sprache auch einfach so, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. Lernen wir ein neues Wort kennen, weiss das Sprachzentrum in der Regel sofort, wie es betont und wie es dekliniert wird, ohne den Verstand zu fragen. Wer überlegt schon vor dem Sprechen, ob er jetzt Dativ oder Akkusativ nimmt, und wie und warum er welches Wort wie dekliniert?

Es bleibt schwierig. Sprache ist das, wie die Menschen sprechen. Sprache ändert sich und das sehr schnell. (Neue) Sprache sollte eher nicht staatlich durchgesetzt, nicht erzwungen werden. So etwas wäre am Ende totalitär. Neusprech. Sprache ist dann demokratisch, wenn man einfach sieht, wofür sich die Menschen, die die Spache nutzen, entscheiden. Wer Sprache ändern will, muss es einfach tun. Wer Sprache (ungünstig) ändert, muss aber auch berücksichtigen, dass er gegebenenfalls (zunächst) nicht mehr verstanden wird.

Im Teil 3 geht es um Gerndern-Studien.

Links

  • Genus Teil 1: Gendern ist Mist ?
    Über Ikonizität von Sprache. Wie ist unsere Sprache aufgebaut? Warum klingt manches komisch?
  • Genus Teil 2: Ideen zum Gendern
    Welche Möglichkeiten gibt es und wie kann man diese bewerten.
  • Genus Teil 3: Gendern-Studien
    Ist Gerechtigkeit abhängig von Sprache? Wie sehen Studien aus? Gibt es Länder mit geschlechtergerechter Sprache? Wie halten diese es mit der Gleichstellung?
  • Schweden wird geschlechtsneutral
    Hier gehe ich auf einen Artikel von Queer.de ein, zur Aufnahme des geschlechtsumfassenden neuen Personalpronomens „hen“ in der schwedischen Sprache. Was bedeutet das und wo oder wie ist uns Schweden voraus?
  • LM-Uni München, Frauenbeauftragte:
    Leitfaden gendergerechte Sprache
    (ohne zu gendern)
  • LM-Uni München, Frauenbeauftragte:
    Leitfaden gendergerechte Sprache
    (ohne zu gendern)

2 Kommentare

  1. 1

    Ich finde diese beiden Beiträge sehr interessant, weil sie in Worte fassen und logisch begründen, was mich intuitiv schon seit Jahren an der „…Innen“-Schreibweise stört.

    Zu „“die/der Schüler*in geht zu ihrer/seiner Schule” – es ist spontan unklar und nicht eindeutig, wie man den Satzteil korrekt spricht“: Nicht nur „spontan“. Ich habe auch nach längerem Nachdenken keine Möglichkeit gefunden, einen solchen Satz sinnvoll auszusprechen. Ich weiß auch nicht, wie ich einen solchen Satz lesen soll, weil ich ihn dabei in Gedanken ja auch irgendwie aussprechen müsste. Mir bleibt dabei eigentlich nur querlesen, oder gar nicht lesen. Wobei ich mich, wenn möglich, doch oft für letzteres entscheide.

    Gestern habe ich mal versucht, mir zu überlegen, wie ich eine männliche Form benennen würde, wenn ich das müsste. Im gestrigen Beitrag wurde dafür die Nachsilbe -us, die aus dem Lateinischen stammt, vorgeschlagen. „Sehr geehrte Bürgeruse und Bürgerinnen“ fühlt sich für mich aber irgendwie nicht richtig an. Ich bin letztendlich auf die Nachsilbe -er gekommen, also „Liebe Bürgerer und Bürgerinnen“. (Oder halt doch ganz einfach „Liebe Bürger“.)

  2. 2

    Die Schwierigkeiten beginnen, wenn die Form mit Bedeutung aufgeladen, sprich bewerten wird.
    Einmal wird eine Spezialität wie Wiener Schnitzel, Berliner oder was auch immer, als völlig unproblematisch angesehen, Zigeuner Art oder Negerkuss, wird jedoch als abwertend empfunden.
    Ich sehe da keine keine Abwertung, anderst formuliert, ich habe sogar ein äußerst positive Verbindung mit dem Negerkuss bzw. Mohrenkopf.
    Ich habe auch kein Bild, das etwas mit einem Menschen zu tun hätte, entwickelt.
    Wertung liegt im Auge des betrachters, die problematisch wird, wenn sie anderen aufgezwungen wird.

    Menschen, die dies tun, erinnern mich nicht an den Begriff progressiv, sondern mehr an den so „typisch deutschen Spießbürger“.

    Leider fehlt diesen Menschen ein Spiegel, der dieses Eigenbild reflektieren könnte.

    Ich lese mittlerweile meist nur noch bis zum ersten gegenderten Begriff, einfach weil ich Karl Popper zustimme und andere Menschen durch einfache Sprache mitnehmen möchte, denn diese werden tatsächlich sprachlich ausgegrenzt.

    „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.“
    Karl Popper

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