Schweden wird geschlechtsneutral

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Im Rahmen der Debatte um meine Artikel zum Genus in der deutschen Sprache und dem Unterschied zum Sexus, also dem biologischen Geschlecht bzw. dem Gender des Subjekts bin ich auf folgenden Artikel auf Queer.de hingewiesen worden, der gestern erschien: Schweden wird geschlechtsneutral

Das ist mehrfach falsch oder missverständlich. Im Artikel wird klar, dass die schwedische Sprache gemeint ist. Die abgegebene Beurteilung ist jedoch nicht ganz korrekt. Die schwedische Sprache hat kein Femininum eingeführt. Es geht um ein neues Wort. Das neue Wort in Schweden ist für Konstruktionen gedacht wie:

„Der Fahrer ist müde, er schläft ein.“

Dazu eine kurze Exkursion. Im Deutschen neigen manche Menschen in bestimmten Fällen dazu, statt dem Personalpronomen im Genus des Subjekts das Personalpronomen zum Sexus des Objekts zu wählen.

„Das Mädchen ist müde, es schläft ein.“ (richtig)
„Das Mädchen ist müde, sie schläft ein.“ (falsch)
„Das Kind ist müde, es schläft ein.“ (richtig)
„Das Kind ist müde, er schläft ein.“ (falsch)
„Das Kind, das schläft.“ (richtig)
„Das Kind, der schläft.“ (falsch)
„Das Mädchen, das schläft.“ (richtig)
„Das Mädchen, die schläft.“ (falsch)

Das Geschlecht des Personalpronomens im Deutschen bezieht sich immer auf den Genus des Subjekts, nicht auf dessen Sexus (= das Geschlecht des Lebewesens, das durch das Subjekt gemeint ist). Auch im Schwedischen kann man vom Genus des Wortes nicht auf den Sexus schließen. Der Gender des Wortes sagt nichts aus über den Gender einer gemeinten Person. Das ist wie in der Regel auch beim Deutschen, wenn die generische Stammform vor liegt.

Zurück zum Fahrer-Beispiel:

„Der Fahrer ist müde, er schläft ein.“

Wenn es sich um eine Frau handelt, dann kann man im Deutschen sagen:

„Die Fahrerin ist müde, sie schläft ein.“

Im Schwedischen geht das so nicht, weil es dort kein Femininum gibt. Dort gibt es als Genus nur Utrum und Neutrum, also zwei Geschlechter, wobei Utrum in der Regel für Lebewesen steht.

Es heißt also immer:
der Fahrer   = förare
die Fahrerin = förare

Im Schwedischen gibt es auch keinen Artikel (der/die/das).

Die Fahrerin ist müde, sie schläft ein.
-> Föraren är trött, hon somnar.
Der Fahrer ist müde, er schläft ein.
-> Föraren är trött, han somnar.

Das Schwedische ähnelt grammatikalisch eher dem Englischen.

„The driver is tired, he/she fells asleep.“

Und genau hier sehen wir dann ein Problem bei diesen Sprachen. Während man im Deutschen bei so einer Konstruktion völlig abstrakt mit dem Pronomen beim Genus des Subjekts bleibt, muss man sich im Englischen und auch im Schwedischen für einen Sexus der handelnden Person entscheiden. Das macht es schwierig, allgemein zu schreiben, also wenn man ausdrücken will, dass das Geschlecht der Person nicht klar ist oder beides sein kann oder beides gemeint ist. Genau dieses Problem behebt das neue schwedische Wort „hen“, das man seit 1966 versucht einzuführen. Das „hen“ steht im Prinzip in etwa für „man“, für „er/sie“.

„Fahrer ist müde, man schläft ein.“

Klingt im Deutschen nicht ganz, zeigt aber was das Wort soll. Es behebt ein in der Sprache vorhandenes Problem beim Umgang mit dem Sexus, das man (also er/sie) im Deutschen nicht hat (siehe Mädchen-Beispiel weiter oben).

Das Wort „hen“ wurde auch nicht von jetzt auf gleich und von Oben eingeführt, sondern es wurde (erst) jetzt in ein Standard-Wörterbuch aufgenommen. Das ist wie, wenn ein neues Wort in den Duden aufgenommen wird, weil es sich im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert hat. Will man jetzt jedoch so weit gehen, dass man die sexus-bezogenen Worte hon/han (er/sie) grundsätzlich gar nicht mehr verwenden soll, wie im Queer.de-Artikel zum Beispiel von den Grünen angegeben, dann würde die Sprache an Präzision oder Redundanz verlieren oder umständlich werden, immer in den Fällen, wo man klar machen möchte, hier handelt oder handelte explizit eine Frau oder ein Mann.

Im Deutschen sind die Genera, die Geschlechter in der Sprache, abstrakt. Deswegen ist es etwas unglücklich, von Femininum und Maskulinum zu sprechen. Wenn man jetzt im Deutschen neu definiert, dass es im Deutschen kein Generikum mehr geben soll, oder dieses ein modifiziertes „Generisches Femininum“ sein soll, dann schaffen wir uns das Problem der Schweden neu hinzu, das diese eben abgestellt haben, sowie noch weitere.

„Der/Die Fahrer*in ist müde, er/sie schläft ein.“
-> Föraren är trött, hen somnar.
(= Fahrer ist müde, man einschläft/schläft.)

Bei dieser Art des Genderns schafft man drei neue Probleme. Zum Problem der Schweden (er/sie) kommt noch das am Subjekt und das am Artikel hinzu. Man könnte im Schwedischen übrigens auch förarinna sagen, um eine Fahrerin zu beschreiben. Man tut es aber nicht. Man nutzt diese Form quasi überhaupt nicht.

Der Artikel auf Queer.de schließt mit den Worten:

„Im Deutschen gibt es ein derartiges Wort [hen] bislang nicht, ebenso wie die Anerkennung eines dritten Geschlechts. Einwohnermeldeämter verlangen hierzulande immer die Information „männlich“ oder „weiblich“ – einzige Ausnahme sind seit vergangenem Jahr intersexuelle Kinder.“

Auch hier haben sich Fehler eingeschlichen. Im Deutschen (also der Sprache) gibt es drei Genera. Zum einen ein Neutrum, wie in Schweden, wobei das Neutrum im Deutschen üblicherweise auch Lebewesen bezeichnen kann (das Schwein, et.al.). Zu dem Utrum in Schweden (Gererikum im Deutschen) hat sich im Deutschen noch ein Femininum entwickelt. Dieses hatte und hat jedoch nichts mit dem Sexus des beschriebenen Lebewesens zu tun. Wie das, was wir heute Femininum nennen entstand und warum es im Prinzip abstrakt ist, dazu in einem weiteren Beitrag mehr.[] Der zweite Fehler im letzten Zitat ist genau die Annahme und das Postulat (oder die Suggestion), dass der Genus in der deutschen Sprache einem Sexus des Subjekts entsprechen würde.

Den Hammer dann zum Schluss: Schweden hat es Ende Juni 2014 abgelehnt, für den Personenstand das unbestimmte Geschlecht einzuführen.[] Schweden ist also noch sehr weit davon weg, geschlechtsneutral oder besser geschlechterneutral zu werden. Deutschland ist hier einen deutlichen Schritt weiter. Das muss uns aber nicht jubeln lassen. Die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern ist in Schweden deutlich weiter als in Deutschland – und das ohne in der Sprache zu gendern. Und eigentlich sollte die gerechte Gleichstellung das Ziel sein.

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Glossar

  • Genus:
    gramatikalisches Geschlecht (z.B. -Neutrum, Utrus, Generikum, ..)
  • Sexus:
    biologisches Geschlecht oder Gender eines Lebewesens
  • Generisches Femininum:
    ist eigentlich nicht generisch, da es mit der Suffix -in eine von der generischen Form erweiterte Form ist. Siehe Ikonizität von Sprache.
  • Generisches Maskulinum:
    eigentlich sehr ungünstig gewählter Begriff, da die generische Form Sexus-unabhängig ist. Eigentlich ist es Generikum, ich nutze daher auch lieber diesen Begriff. Eine abgeleitete Form für Subjekte mit männlichem Sexus gibt es im Deutschen nicht.
  • Geschlechtsneutral:
    es gibt kein Geschlecht mehr, nur noch das neutrale. Also keine Männer, Frauen, Queer ..
  • Geschlechterneutral:
    alle Geschlechter sind gleichberechtigt

Hinweis: Ich bin kein gelernter Sprachwissenschaftler, sondern habe mich „nur“ eingelesen.

 

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